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Arbeit als Therapie in psychiatrischen Anstalten vom Kaiserreich bis in die Zeit des Nationalsozialismus

Tagung am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf; in Kooperation mit dem Bereich Ethik und Theorie der Medizin der Universität Magdeburg

11.04.2013 - 12.04.2013, Hamburg

In der Weimarer Reichsverfassung von 1919 wurde festgehalten, dass "[j]eder Deutsche [...] unbeschadet seiner persönlichen Freiheit die sittliche Pflicht [hat], seine geistigen und körperlichen Kräfte so zu betätigen, wie es das Wohl der Gesamtheit erfordert". Im Kontext der modernen Industriegesellschaft und des auf Erwerbsarbeit basierenden Weimarer Sozialstaates wurde Arbeit zur staatsbürgerlichen Pflicht erklärt. Die Wiederherstellung der Arbeitskraft schien sich diesem Grundsatz folgend zu einer medizinischen Leitidee zu entwickeln (Walter 1996), der die Psychiatrie mit der Ausweitung arbeitstherapeutischer Maßnahmen nachzukommen versuchte. Konzepte wie die "aktivere Krankenbehandlung" (Simon 1929) und die "Familienpflege" hatten unter anderem das Ziel, die Arbeitsfähigkeit der Patient_innen zu verbessern, um ihnen die als notwendig erachtete Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen. Beide Therapien beruhten auf dem Ansatz, dass Arbeit die "beste Medizin" und das "universellste Erziehungsmittel" (Meltzer 1927) darstelle. Patient_innen wurden auf dem Anstaltsgelände oder in einer Pflegefamilie für Arbeiten, vorzugsweise im landwirtschaftlichen, handwerklichen oder häuslichen Bereich, herangezogen. Darüber hinaus hatten arbeitstherapeutische Maßnahmen auch einen ökonomischen Zweck: Über die von den Patient_innen erbrachten Arbeitsleistungen sollten sich die staatlichen Ausgaben für den Anstaltsbetrieb minimieren.

Diese Trendwende in der Behandlung psychisch Kranker war jedoch keineswegs unumstritten. Ebenso wenig stellte sie ein Novum dar. Die Vorstellung, dass Arbeit und Beschäftigung sich therapeutisch nutzen lassen, existierte bereits seit dem frühen 19. Jahrhundert. Und auch in der NS-Zeit stellte das Kriterium der Arbeitsfähigkeit das entscheidende Selektionskriterium der systematischen Massenvernichtungsaktionen dar.

Aber in Anbetracht der wirtschaftlichen und (sozial-)politischen Verhältnisse der Weimarer Zeit erhielt die Arbeitstherapie in den 1920er Jahren eine neue Qualität:

Denn innenpolitische Machtkämpfe in den Anfangsjahren der Republik, Reformen im Sozial- und Arbeitsrecht, Inflation, Arbeitslosigkeit und Weltwirtschaftskrise machten vor den Anstaltstoren nicht halt und hinterließen ihre Spuren im Alltag psychiatrischer Institutionen, im Denken und Handeln der Pflegekräfte und Ärzt_innen, in den Wahrnehmungen und Äußerungen der Patient_innen.

Ziel der Tagung ist es,

  1. das Ineinandergreifen von Ökonomischen und (sozial-) politischen Gegebenheiten, therapeutischen Zielsetzungen und kulturellen Deutungsmustern am Beispiel der Arbeitstherapie in der Weimarer Zeit zu beleuchten und
  2. nach den Manifestationen dieser Verschränkungen im Alltag psychiatrischer Anstalten und ihrer Akteur_innen (Pfleger_innen, Patient_innen, Ärzt_innen etc.) zu fragen.

Darüber hinaus soll auch der strukturelle Wandel der Anstalten hinsichtlich der dortigen Produktionsstätten in der Zeit von Kaiserreich bis in die Zeit des Nationalsozialismus erfasst und erörtert werden.

Folgende Themenblöcke umreißen die inhaltliche Ausrichtung der Tagung:

Veranstalter_innen

Institut für Geschichte und Ethik der Medizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach/Dr. Monika Ankele) in Kooperation mit dem Bereich Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg (Prof. Dr. Eva Brinkschulte)

Tagungssort

Informationen zum Veranstaltungsort finden Sie hier.

Anmeldung und Rückfragen

Dr. Monika Ankele, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, UKE, Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! , Tel. 0 40-74 10-5 53 63

Um eine Anmeldung zur Tagung wird bis zum 25.03.2013 per E-Mail gebeten.

Tagungsgebühr

Die Tagungsgebühr beträgt € 10,00 (Barzahlung vor Ort).

Literaturnachweise:

Walter, Bernd: Psychiatrie und Gesellschaft in der Moderne. Geisteskrankenfürsorge in der Provinz Westfalen zwischen Kaiserreich und NS-Regime. Paderborn 1996, 205f.

Simon, Hermann: Aktivere Krankenbehandlung in der Irrenanstalt. Leipzig 1929.

Meltzer, Ewald: Aus der Idiotenanstalt Großhennersdorf i. Sa. Die neuen Ziele der Psychotherapie. In: Psychiatrisch-Neurologische Wochenschrift Nr. 9/29. Jg. (1927), S. 117-121, 119.

Die Tagung findet im Rahmen des DFG-Projektes "'Familienpflege' und 'aktivere Krankenbehandlung': Eine multiperspektivische Betrachtung der Arbeitstherapie im Alltag psychiatrischer Anstalten der 1920er Jahre" statt.

Das Programm als Faltblatt finden Sie hier.