Der Kontakt mit seelisch beeinträchtigten Menschen in Kirchengemeinden ist eine Alltagserfahrung. Die bewusste Begegnung und der Austausch von Betroffenen mit Pastoren ist für Irre menschlich Hamburg schon immer ein Anliegen gewesen und nun wieder ganz aktuell:

"Alles hat seine Zeit"

Der Landesverband der Angehörigen psychisch Kranker und Pastor Reinhard Dircks von der Hauptkirche St. Petri veranstalteten am Sonntag, den 4. November 2012 um 18 Uhr wieder einen gemeinsamen Gottesdienst.

Wie im vorigen Jahr standen die Sorgen, Nöte und Ängste der Angehörigen im Vordergrund.

Prof. Dr. Thomas Bock sprach zu diesem Thema aus der Sicht des Therapeuten.

Es waren alle herzliche eingeladen.

 

Kirche St. Nicolaus in Alsterdorf, Samuel Enslin Zum dritten Mal hatte Irre menschlich Hamburg am 26. September 2011 zu Gesprächen und Diskussionen mit Pastoren über das Thema "Seelische Erschütterung / Gesundheit / Spiritualität / Glaubenszweifel" eingeladen, diesmal in die Kirche St. Nicolaus in Alsterdorf, Sengelmannstraße.

Pastor und Seelsorger Christian Möring begrüßte die 20 Teilnehmer, auch im Namen des Krankenhauses, sehr herzlich. Bevor man zu den Fragen: was sind religiöse Visionen, was sind Psychosen, wie gehen Kirche und Menschen damit um? kam, stellte Pastorin Hilke Osterwald diesen besonderen Kirchenraum mit seiner Geschichte vor:

Diese Kirche wurde 1889, 60 Jahre nach Gründung der Stiftung Alsterdorf durch Pastor Sengelmann, gebaut. Vorher ging man zur Kirche nach Eppendorf.

Während der Nazizeit und der damit verbundenen Veränderung des Menschenbildes kam es zu Ausgrenzungen, man entsprach hier nicht mehr dem "richtigen" Menschen. 629 Menschen wurden von hier deportiert – auch Kinder –, 550 von ihnen getötet.

Das Altarbild gibt Zeugnis von dieser verzerrten Einstellung. Das dort vorher bestehende Fenster wurde zum 75-jährigen Bestehen der Kirche zugemauert. Pastor Lensch entwarf und malte dieses Altarbild.

Darin sieht man 15 Personen. Jesus und die Helfenden werden von Licht beschienen, bilden mit der Zahl 12 eine geschlossene Einheit. Die 3 anderen Personen (Bewohner der Stiftung) erscheinen nicht auf Augenhöhe, werden nicht von Licht beschienen, sind also doppelt außerhalb. Die Bewohner der Stiftung Alsterdorf wurden zu der Zeit "Kinder" genannt.

Dieses Bild fordert zum genauen Hinschauen auf, ist schwer zu ertragen.

Aus diesem Grund und weil es unter Denkmalschutz steht, hat man es zugehängt mit einem Vorhang, bewahrt es als Mahnmal, fordert uns auf, wachsam und achtsam zu bleiben!

Vor dem grauen Vorhang hängt nun ein großes, buntes Kreuz, entworfen und gemalt von Peter David, der es der Kirche geschenkt hat.

Diplom-Psychologin Gyöngyvér Sielaff, 1. Vorstzende von Irre menschlich Hamburg e.V., leitete mit ihren warmen Worten die Diskussion ein. Hier, an diesem besonderen Ort, ist das Anderssein nicht weit weg von uns, ist die Durchlässigkeit zu spüren. Was bewegt uns hier besonders?

Schon in der Vorstellungsrunde gab es kurze Lebensbeschreibungen, danach konzentrierte sich das Gespräch vor allem auf Menschen mit religiösen Erleuchtungen, den sogenannten "holy happenings".

• "Wenn ich mit Gott spreche, ist es ein Gebet" – "Wenn Gott mit mir spricht, ist es eine Psychose?" Wer und wie unterscheidet man das?

• "Werden Pastoren schneller psychotisch, wenn sie Gott intensiv erleben?"

• "Wie entsteht Durchlässigkeit?"

• "Was ist unsere innere Stimme?"

Es war sehr spannend und genau der richtige Ort für solche Gedanken.

Musikalisch begleitet wurde die Veranstaltung durch Tanja Gantz (Gesang) und Christina Meyn (Gitarre). Pastor Möring hatte für Kaffee, Tee und wunderbare Brötchen gesorgt, herzlichen Dank dafür!

Von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurde eine Fortsetzung dieser Reihe gewünscht. Irre menschlich Hamburg kümmert sich um einen weiteren Veranstaltungsort.

Angela Urban, Irre menschlich Hamburg e.V

Den Bericht einer Teilnehmerin finden Sie hier.

Die Einladung zu diesem Workshop finden Sie hier.

"Alles wirkliche Leben ist Begegnung" (Martin Buber)

Begegnung zwischen Menschen

Der zweite Pastorenworkshop, veranstaltet von "Irre menschlich Hamburg", fand in der St. Michaelskirche in Hamburg-Sülldorf zum Frühlingsanfang, am 21.3. 2011 statt. An dieser Stelle einen herzlichen Dank für die Gastfreundschaft. Es ging um das Thema "Seelische Erschütterung und Kirche". Religiöse Erfahrungen, die in Psychosen gemacht werden, sind selten bis gar nicht Gesprächsinhalte in der Psychiatrie, selbst in den christlichen Krankenhäusern werden sie nur als Symptom einer Erkrankung betrachtet. In unserem Gespräch ging es auch um die Frage der Angst und Befremdung, gerade dann, wenn Menschen in ihren Krisen mit fundamentalen religiösen Inhalten, wie z.B. Ursprung von Licht und Finsternis, Erlösung und Sünde ringen. Dort sind Stimmenhören und Visionen nichts Ungewöhnliches.

• Wie gehen PastorInnen mit Anderssein in ihrer Gemeinde um?

• Sind sie AnsprechpartnerInnen für Menschen in religiösen (vielleicht auch sehr eigenen) Vorstellungen?

• Sind sie GesprächspartnerInnen in Not?

• Wo sind ihre persönlichen Grenzen?

• Was macht ihnen Angst, wo wollen sie lieber an die Profis der Psychiatrie verweisen? Was ist das besondere an einer Begegnung innerhalb der Kirche?

• Muss man aktives Gemeindemitglied sein? Könnte Jesus nicht vom Kreuz heruntersteigen und sich in die Bank setzen…

Die Gesprächsatmosphäre war sehr offen und trialogisch geprägt. Sie lud dazu ein, Fragen zu stellen und zuzuhören. Außerdem konnte man dem wunderschönem Sologesang einer Teilnehmerin lauschen.

Nach vier Stunden Austausch, unterbrochen von drei kleinen Pausen, kamen wir zu dem Ergebnis, dass damit nicht Schluss sein kann und darf! Dieses Treffen war ein Anfang, um behutsam miteinander ins Gespräch zu kommen. Viele Fragen sind natürlich offen geblieben oder auch erst in diesem Prozess entstanden. Wir setzen diese Begegnungen fort, angedacht ist ein Termin Ende September. Die anwesenden Pastoren verabschiedeten sich mit dem Versprechen, das Gesprächsangebot in Kirchenkreisen weiter bekannt zu machen und im Kollegenkreis dafür zu werben, damit diese Chance zur Begegnung noch intensiver genutzt wird! Auf dass es mehr werden.

Die Einladung zu diesem Workshop finden Sie hier.